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Die schönsten Sagen aus dem Sudetenland

Erzählt von Margarete Kubelka

Der Zaubervogel

Im nördlichsten Teil des Böhmerlandes ragt die Lausche als Wahrzeichen unserer Heimat in das sächsische Land hinein. Dieser Berg an der Grenze wurde von Ausflüglern viel und gern besucht, zumal er einen herrlichen Ausblick nach beiden Seiten bot.

Ein wunderschönes Stück Land: hohe, dunkle Wälder, schattige Spazierwege, und auf den Höhen manch seltene, liebliche Blume. Der Wanderer, der im weichen Moos von den Mühen des Anstiegs ausruhte, wurde reich belohnt durch den würzigen Duft des Waldes und den Stimmen der Vögel, die sich zu einem vielstimmigen Konzert zusammenfanden. Manchmal freilich vernahm er darunter einen Klang, eine wehe, klagende Vogelstimme, die nicht so recht in den fröhlichern Singsang passen wollte.

Von diesem Vogel erzählt man sich folgende Geschichte:

Auf der Lausche lebte einmal vor vielen vielen Jahren ein Zauberer, der sich da oben einen herrlichen Garten angelegt hatte. Die merkwürdigen Pflanzen und Steine, die der Wanderer noch heute bisweilen dort oben findet, sind davon übrig geblieben. In diesem Garten stand ein Häuschen, in dem der Zauberer seine Mittagsruhe zu halten pflegte.

Einmal geriet ein böhmischer Prinz, der mit seinem Gefolge in dieser Gegend jagte, in den Bereich des Zauberers. Er hatte ein flüchtiges Wild verfolgt und war dabei immer höher bergan geraten. Vom raschen Lauf ermüdet, beschloss er, sich an diesem einladenden Ort ein wenig auszuruhen. Wie er aber so saß und schweigend sein mitgebrachtes Mahl verzehrte, erblickte er plötzlich einen Adler, der hoch oben im Blau des Himmels seine einsamen Kreise zog. Das Jagdfieber packte den Prinzen von neuem, er legte seine Flinte an und traf den königlichen Vogel mitten ins Herz.

Der Zauberer, der gerade inmitten seiner Blumen schlief, erwachte jäh von einem klagenden Geschrei und erblickte zu seinen Füßen das majestätische Tier, das im Sterben lag. Da erzürnte er und schalt: „Wer wagt es, hier meine Mittagsruhe zu stören und meine Gefährten zu ermorden?“

Der Prinz, der es nicht gewohnt war, sich zur Rechenschaft ziehen zu lassen, wurde ebenfalls zornig und rief: „Es ist eine Schande, dass du hier am helllichten Tage liegst und schläfst!“

Da berührte ihn der Zauberer mit einem Stab und sagte: „Meinen Vogel hast du getötet – nun sollst du selbst zeit deines Lebens ein Vogel sein!“

Da schrumpfte die schöne Gestalt des Jünglings zusammen, wurde kleiner und immer kleiner und nahm seltsame Umrisse an. Er bekam einen Rumpf wie ein Falke, einen Schnabel wie ein Geier und die langen staksigen Beine des Storches.

In dieser jämmerlichen Gestalt versteckte er sich im Wald, um nicht in seiner Erniedrigung gesehen zu werden. Er lässt sich nie blicken, aber der ergreifende Ton seiner Vogelstimme, die etwas erschreckend Menschliches an sich hat, rührt den einsamen Wanderer seltsam ans Herz.

Der tollkühne Ritt vom Schreckenstein

Auf dem Schreckenstein hauste, wie schon der Name dieser Burg verrät, in alter Zeit ein grausamer und habgieriger Raubritter, der die ganze Gegend in Angst und Schrecken versetzte.

Besonders hatte er es auf die Elbschiffe abgesehen, die an seinem Adlerhorst vorbei mussten und meist mit wertvollen Gütern beladen waren: mit Stoffen und Geschmeide, mit Lebensmitteln und Gewürzen. Die Mannen des Schreckensteiners bildeten einen Kordon, dem kein Schiff entkommen konnte, ohne seinen Tribut an Ware oder Münzen entrichtet zu haben.

Am meisten freilich hatte die einheimische Bevölkerung zu leiden, nie war sie vor den Übergriffen und Raubzügen des Burgherrn sicher, und sie verbrachte ein klägliches Leben in Furcht und unverdienter Demütigung. Es war deshalb nicht weiter zu verwundern, dass sich diese braven und biederen Leute eines Tages zusammen taten um, von der Not getrieben und vom Mute der Verzweiflung befeuert, mit Dreschflegeln und Schwertern in den Händen auf eigene Faust ihr Recht zu suchen. Zu nachtschlafener Zeit stürmten sie die Burg, überwältigten die schlafenden Wächter und drangen tobend und erbittert in das Burginnere ein.

Der Schreckensteiner, schlaftrunken und ohne Waffen, sah sich ohne eine Möglichkeit zur Verteidigung seinen Feinden gegenüber, die kurzen Prozess mit ihm machen würden.

Doch war er keiner, der sich lebend in die Hände seiner Gegner gab. Flucht oder Tod – nur dies stand für ihn zur Wahl. Er schwang sich auf sein treues Streitross, das schon manchen Strauß mit ihm ausgefochten hatte und dessen unbedingte Zuverlässigkeit ihm gewiss war. Er gab dem Pferd die Sporen und sprengte mit einem mörderischen Satz den fast senkrechten Felsen des Schreckensteins  hinab. Wie durch ein Wunder blieben Ross und Reiter unverletzt, durchschwammen die Elbe und konnten sich in Sicherheit bringen.

Noch heute zeigt man auf der Ruine Schreckenstein den staunenden Besuchern den Abdruck der goldenen Hufe, den das Pferd bei seinem tollkühnen Sprung im Felsen hinterlassen hatte.

Ruine Roll

Der Rollberg bei Niemes mit seinem spitzen Lavakegel und seinen bizarren Steinhängen gibt der ganzen Landschaft das Gepräge. Auf seinem Gipfel liegen die Trümmer einer alten, verfallenen und vermoderten Ruine, von der man Schlimmes zu erzählen weiß.

Am Ausgang des Mittelalters, damals, als das Rittertum verfiel und seine Angehörigen verarmten, stand auf dem Roll eine stolze Burg, deren Herr sich und sein Gesinde ausschließlich von Plünderungen und Raubzügen ernährte. Unterhalb des Rollberges ging eine große Handelsstraße vorbei, die Straße von Zittau nach Prag, und die Kaufleute, die hier friedlich vorbeizogen, mussten immer eines Überfalls gewärtig sein, der sie nicht selten außer ihrer Habe auch das Leben kostete. Im Hungerturm der Rollburg verbrachte mancher angesehene Kaufherr in Elend und Verzweiflung seine letzten Tage. Der Raubritter forderte hohe Lösegelder, und wessen Angehörige sie nicht zahlten oder nicht aufbringen konnten, der musste eines elenden Todes sterben.

Am meisten hatten freilich die schlichten Bauern der Umgebung unter dem räuberischen Treiben zu leiden – der Ritter und sein gottloses Gefolge stahlen ihnen das Vieh von der Weide und die hart erarbeiteten Taler aus Taschen und Truhen. So reifte allmählich ein vortrefflicher Plan in den Hirnen der Landbevölkerung, der ihnen Befreiung und Rache für die erlittene Unbill bringen sollte.

Mit folgender List gedachten die Bauern in die wohlverschlossene und gut gesicherte Burg einzudringen. Es war allen wohlbekannt, dass der Burgherr eine große und wohlgenährte Kuhherde besaß, die am Tage auf den Wiesen um den Rollberg herum weidete und am Abend in ihre Stallungen hinter der Burgmauer gebracht wurde.

Diese Kühe hatten große, weithin bimmelnde Glocken um den Hals, und sobald der Torwart das vielfache Läuten der Kuhglocken hörte, öffnete er das Tor, um das nützliche Vieh für die Nacht herein zu lassen. Darauf baute der Plan der Bauern. Sie hatten vor, sich der friedlich grasenden Kühe zu bemächtigen, ihnen die Glocken abzunehmen und mit Hilfe ihres Geläutes die Burgwächter zu täuschen.

Gedacht, getan. Die Bauern zogen, mit Knüppeln und Stangen bewaffnet, dem Rollberg zu, trieben die Kühe weg und hängten sich deren Glocken um den Hals. Als die Torwächter das vertraute Gebimmel hörten, öffneten sie das Burgtor und wurden im Handumdrehen von der ergrimmten Menge überwältigt. Der Burgherr, der von dem Überfall nichts ahnte, wurde mitsamt seinem räuberischen Gesinde niedergemacht und die Burg an allen vier Ecken angezündet und zerstört.

Sie wurde nie wieder aufgebaut, und die letzten Mauerreste unterliegen immer mehr dem Zugriff der Zeit und ihrer langsamen, aber um so sicheren Zerstörung.

Quelle: Margarete Kubelka, Die schönsten Sagen aus dem Sudetenland, Aufstieg – Verlag Landshut, 8. Auflage 2003

 

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