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Die Lederers – Die Anfänge als Unternehmer

Am 6. Dezember 1896 war in einer Anzeige der Prager Zeitung BOHEMIA zu lesen, dass Ignatz Lederer im Alter von 76 Jahren nach kurzer Krankheit verstorben ist:

Todesanzeige Ignaz Lederer 1896 (Neue Freie Presse Wien)

Todesanzeige Ignaz Lederer 1896 (Neue Freie Presse Wien)

„Der Verblichene hat in Böhmisch – Leipa mit kleinen Anfängen begonnen und sich dank seiner ungewöhnlichen Begabung und Fachkenntnisse sowie der Unterstützung seitens seiner Söhne eine hervorragende Stellung unter den heimischen Industriellen erworben. Das Lederersche Etablissement in Jungbunzlau zählt bekanntlich zu den bedeutendsten des Continents. Das bescheidene und humane Wesen des Verstorbenen sichert ihm ein dauerndes Andenken“.

Wer aber war der betrauerte Unternehmer Ignatz Lederer aus Böhmisch-Leipa?

In einer Veröffentlichung von Milan Hlavacka, Philosophische Fakultät der Karls-Universität Prag, können wir seinen erfolgreichen, aber schwierigen Lebensweg nachlesen. Professor Hlavacka hatte Zugang zu alten Dokumenten und Einwohnerverzeichnissen in Leipa, Jungbunzlau und Prag, die uns nicht zur Verfügung stehen. Wir berufen uns daher auf seine Ausarbeitung und ergänzen sie durch eigene Nachforschungen in der Österreichischen Nationalbibliothek, in der Jüdischen Gemeinde Wien und bei der Fa. „Jungbunzlauer“ in Niederösterreich.

Bevor wir uns jedoch mit Ignatz Lederer und seiner Familie näher bekannt machen, müssen wir uns die damaligen Verhältnisse und Lebensumstände jüdischer Familien in Böhmen vor Augen führen. Es galt das 1726 von Kaiser Karl IV. erlassene Familiantengesetz, welches die Anzahl von Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien festlegte, die zur Gründung von Familien berechtigt waren. Der Zweck dieses Gesetzes war, die Anzahl der Juden in den Kronländern der Monarchie möglichst gering zu halten. Zur Familiengründung waren nur die erstgeborenen Söhne berechtigt, die ein Alter von 24 Jahren erreicht hatten. Die jüngeren Söhne konnten nur dann heiraten, wenn irgendwo im Lande durch das Ableben kinderloser oder nur mit Töchtern gesegneter Eltern ein Einwohnerrecht „freigeworden“ war.

Juden war es nicht erlaubt, ohne Genehmigung zu übersiedeln, sie durften sich nur dort niederlassen, wo Juden bereits geduldet waren und sie durften keine Liegenschaften erwerben.

Kaiser Josef II. hat dann in seinem Toleranzpatent vom 2. Januar 1782 eine gewisse Lockerung der Vorschriften vorgenommen: z.B. […] „so befehlen Wir gnädigst den tolerirten Juden in jenen Orten, wo sie keine eigenen deutschen Schulen haben, ihre Kinder in die christlichen Normal- und Realschulen zu schicken, um in diesen wenigstens das Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen“ oder […] „auch erneuern Wir hiermit die Erlaubnis und ermuntern sie zur Anlegung von Manufakturen und Fabriken“. Weiters wurde erlaubt, dass sich tolerierte Juden nicht nur in bestimmten Judenhäusern, sondern auch in eigenen Wohnungen sowohl in der Stadt als auch in den Vorstädten einmieten durften.

Es sollte jedoch noch bis ungefähr 1830 dauern, bis Juden eine gewisse Handelsfreiheit zugestanden wurde. Trotz dieser schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen gingen aus jüdischen Familien sehr erfolgreiche Kaufleute und Handwerker hervor.

Genau in dieser Zeit wurde Ignatz Lederer geboren. Er kam am 1. Februar 1820 in der königlichen Stadt Rokytzan bei Pilsen als erstes von 9 Kindern des jüdischen Kaufmannes Josef Lederer aus Rokytzan (heute Rokycany) und seiner zweiten Gattin Rosa, geborene Perles aus Böhmisch-Leipa, zur Welt. Er wuchs in Rokytzan auf, es ist aber nicht überliefert, welche Schulbildung und welchen Beruf er erlernt hatte. Es ist uns auch nicht bekannt, wann und weshalb der junge Ignatz Lederer in die Heimatstadt seiner Mutter, also nach Böhmisch-Leipa, zog. Er fand sicher bei seinen Großeltern eine liebevolle Aufnahme und die Großeltern werden es auch gewesen sein, die ihn in die israelitische Kultusgemeinde von Böhmisch-Leipa einführten.

In der Kultusgemeinde lernte er auch die junge Marianne Mautner kennen, die Tochter des jüdischen Leipaer Kaufmannes Jacob Mautner und seiner Gattin Klara, geborene Gans.

Am 2. Dezember 1846 fand die feierliche Trauung des jungen Paares in der Synagoge von Böhmisch-Leipa statt, den Ritus vollzog der Rabbiner Hermann Hamburger. Im Trauungsregister ist „Ignatz Lederer aus Rokytzan“ bereits als „Kaufmann in Böhmisch-Leipa“ eingetragen. Das junge Ehepaar bezog 1847 in der Leipaer Ferdinandstraße Nr. 22 eine Mietwohnung, dort wurden ihnen auch die Söhne Emil, Julius, Richard und August  und die Töchter Hermine und Luise geboren.

Während sich Marianne Lederer dem Haushalt und der Erziehung ihrer Kinder widmete, mietete Ignatz Lederer auf der gegenüber liegenden Straßenseite, Ferdinandstraße Nr. 21, ein kleines Fabrikslokal und legte damit den Grundstein zu einem riesigen Unternehmen, das später in Jungbunzlau seinen Sitz hatte und deren Firmenteile noch heute in mehreren europäischen Ländern existieren.

Das Gelände des Fabrikslokals gehörte ursprünglich zur herrschaftlichen Brauerei; der Sohn des bekannten Kattunfabrikanten Ferdinand Thume hatte es erworben und Fabrikslokale und Wohnungen darauf errichtet, die er vermietete.

In einem dieser Lokale forschte und experimentierte Ignatz Lederer mit dem Ziel, aus Rohspiritus, der von bäuerlichen und jüdischen Brennereien aus Kartoffeln hergestellt wurde, einen verfeinerten Alkohol zu raffinieren, um ihn dann im eigenen Lokal verkaufen zu können.

Seine unermüdlichen Experimente führten schließlich zum Erfolg und Ignatz Lederer, der inzwischen in Leipa das Heimatrecht besaß, erhielt am 4. Oktober 1859 die Bewilligung des Bezirksamtes von Böhmisch-Leipa, die dem „israel. Kaufmann die Aufstellung und Betriebsetzung eines Dampfkessels im Hof des Hauses Nr. 21 zwecks Raffination von Alkohol“ erlaubte.

Die Geschäfte gingen gut, aber der dem Raffinationsprozess anhaftende unangenehme Geruch führte zu ständigen Beschwerden der umliegenden Bewohner, wie im Leipaer Archiv noch heute nachgelesen werden kann. Ob nun diese Beschwerden oder der Wunsch nach Ausweitung seiner unternehmerischen Tätigkeiten ausschlaggebend waren, den Fabriksstandort in Böhmisch-Leipa aufzugeben, ist  nicht überliefert.

Tatsächlich verlegte Ignatz Lederer seine Geschäftstätigkeit 1867 nach Jungbunzlau (heute Mlada Boleslav) und im Grundbuch der Gemeinde Jungbunzlau von 1868 ist belegt, dass der „Handelsmann Ignatz Lederer im Dezember 1867 ein Grundstück mit einer Brennerei in Podolec an der Iser angekauft hat“. Seine kleine Spiritusbrennerei in der Ferdinandstraße 21 in Leipa übernahm daraufhin Ferdinand Thume.

In Jungbunzlau wurde nach den Vorstellungen des neuen Besitzers die Spiritusbrennerei umgebaut und erweitert und auch gleich einem neuen Trend angepasst: In Böhmen hatte die Zuckerrübenproduktion einen großen Aufschwung genommen und Lederer wusste von seinen erfolgreichen Experimenten in Leipa, dass die Zukunft der Brennereien in der Herstellung von reinem Melassespiritus lag. Melassespiritus übertraf den aus Kartoffeln hergestellten Spiritus an Qualität um ein Vielfaches.

Er konzipierte seine „Jungbunzlauer“ also gleich nach dieser neuen Technologie und da sich aus den „Melasseschlempen“ auch noch Pottasche für Glashütten und Seifenfabriken herstellen ließ, erweiterte sich das Lederersche Unternehmen ständig, und die unternehmerischen und kommerziellen Erfolge blieben nicht aus.

Das Prinzip des Firmenbesitzers war es, aus anfallenden Rückständen immer wieder neue Produkte zu entwickeln und herzustellen, damit so wenig als möglich Abfall entsteht, der entsorgt werden muss. Eine Geisteshaltung, die man in unserer heutigen „Wegwerfgesellschaft“ nur  bewundern kann.

So war im Laufe der Jahre aus der ehemals kleinen ländlichen Spiritusbrennerei in Podolec, die 1867 erworben wurde, ein riesiges Unternehmen entstanden, das jährlich 48.000 Hektoliter Spiritus erzeugte und raffinierte, sowie jährlich ca. 300 Waggons Pottasche für Glashütten und Seifenfabriken herstellte. Außerdem raffinierte das Unternehmen noch 30.000 Hektoliter Spiritus aus böhmischen und galizischen Brennereien.

Inzwischen waren auch seine Söhne in die Firma eingetreten. Sie hatten alle eine hervorragende Ausbildung erhalten: Richard hatte in Belgien Gärungstechnik studiert, Julius und August waren Juristen. Richard Lederer leitete das riesige Unternehmen schon zu Lebzeiten seines Vaters; er hatte eine Belgierin geheiratet und wohnte mit seiner Familie neben der Fabrik in Jungbunzlau. Julius und August hatten ihren Wohnsitz nach Wien verlegt, um von der aufstrebenden Residenzstadt aus für das Unternehmen tätig zu sein.

Nachdem Ignatz Lederer das von ihm geschaffene Firmenimperium in die Hände seiner Söhne gelegt hatte, zog auch er mit seiner Gattin Marianne nach Wien.

Er war mit seiner Familie bis 1877 in Böhmisch- Leipa wohnhaft geblieben, er fühlte sich der Stadt so verbunden, dass er von 1848 bis 1874 alljährlich Beiträge zugunsten der „Privaten Armenversorgungsanstalt“ leistete. Seine Söhne Richard und Julius gehörten noch 1897 dem „Nordböhmischen Excursionsclub“ in Leipa an.

Aktie der Jungbunzlauer Spiritus- und chemische Fabrik (1925)

Aktie der Jungbunzlauer Spiritus- und chemische Fabrik (1925)

Von Wien aus gründete der erfolgreiche Unternehmer 1895 – jetzt schon 75 Jahre alt – die Aktiengesellschaft „Jungbunzlauer Spiritus- und chemische Fabrik“ mit Sitz in Prag, später, so plante er, sollte sie dann einmal in Wien ihren Sitz haben.

Das Jahr 1896 verlief äußerst erfolgreich, die neue Aktiengesellschaft konnte die Raaber Spiritusfabrik und Raffinerie in Györ in Ungarn erwerben und man bereitete im Familienkreis das Fest der Goldenen Hochzeit von Marianne und Ignatz Lederer vor. Doch plötzlich erkrankte Ignatz an einer Entzündung der Luftwege, wie die Ärzte diagnostizierten und verstarb am 2. Dezember 1896 in Wien, genau an seinem 50. Hochzeitstag.

Das Begräbnis fand am 6. Dezember 1896 auf dem Zentralfriedhof Wien, israelitische Abteilung, statt.

In der Prager Zeitung BOHEMIA war der am Beginn unseres Berichtes gedruckte Nachruf zu lesen, viele weitere in den verschiedensten Zeitungen der Monarchie. Mit ehrenden Worten gedachte man der großen Unternehmerpersönlichkeit Ignatz Lederer, dessen Wirken in Böhmisch-Leipa begonnen hatte.

 

Im nächsten Heimatbrief wollen wir Ihnen von den in Leipa geborenen jüdischen Söhnen Ignatz Lederers berichten, die für das Unternehmen während des Zerfalls der Habsburg Monarchie, während der Zwischenkriegszeit und der Naziherrschaft für das Unternehmen die Verantwortung trugen und sich trotz der schwierigen Jahre als Kunstmäzene erwiesen.

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